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10. Schlaflos im Sattel in Weidenthal – schreiende Stille

Am ersten Augustwochenende fand im rheinland-pfälzischen Weidenthal die alljährliche Radveranstaltung Schlaflos im Sattel statt, was eigentlich alles andere als Stille bedeutet. Von uns war Bernhard ausnahmsweise mal ohne Rad dorthin gefahren. Wieso, weshalb und warum erzählt er hier:

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Der offizielle Hauptteil dieses Wochenendes, was bereits donnerstags losgeht, ist tatsächlich ein Radrennen. Dieses geht von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Also von 20:52 Uhr bis 5:59 Uhr. Ganz klare und eindeutige Zeiten. Es gibt zwar diverse Wertungsklassen für Männchen und Weibchen, aber das ist eigentlich auch nur nebensächlich. Auf dem gut 14km langen Rundkurs gab es nämlich nicht nur die üblichen Kontrollstellen und Sicherheitsposten. Es wurde auch in anständigen Mengen, Essen, Bier und Schnaps gereicht, wovon die Teilnehmer auch rege Gebrauch machten. Für einige Teilnehmer ist die eine Runde, die sie fahren, schon genug und sie genießen die Fahrt. Es wird angehalten, es wird nett gequatscht. Alles eigentlich so wie auf einer entspannten Tour mit Freunden. Das erklärt dann auch Rundenzeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite gibt es die Fraktion der Fitfucker, wie die richtig sportlichen und ambitionierten Biker gerne liebevoll genannt werden, die dann nach gut 33 min. wieder zur Zeitnahmen kommen.

Fitfucker vs. Einhörner

Und dann gibt es auch noch die für diese Veranstaltung durchaus normalen Fahrer, die ca. ein bis fast zwei Stunden für die gleiche, wenn nicht sogar selbe Runde brauchen. Das schließt ein gemütliches Fahren nebst kleineren Stopps an den bereits genannten Kontrollpunkten mit ein. Da wundert es dann auch den geneigten Zuschauer auch nicht wirklich, wenn eins ein Einhorn oder andere lustige Verkleidungen über den Weg radeln. Der Spaß am Biken wird hier nicht nur großgeschrieben, sondern auch groß zelebriert.

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Erste Teilnahme im vierten Versuch

Aber was ist eigentlich so besonders an diesem Wochenende und wieso war ich ohne Rad dort? Um dieses zu beantworten muss ich ein paar Jahre zurückschauen. Um genau zu sein sogar mindestens fünf Jahre. Ich hatte damals von diesem Nachtrennen gehört und wollte daran teilnehmen. Da es keine reguläre Anmeldeseite gibt musste man, wie jedes Jahr, am 01.01 um 0:00 Uhr eine E-Mail an den Veranstalter Phaty schreiben. Das tat ich auch und bekam irgendwann, Tage oder Wochen später, die Bestätigung, dass ich dabei sein dürfte. Die Freude war groß, nur musste ich aus Gründen leider meine Teilnahme absagen. Dieses zog sich dann die darauffolgenden Jahre leider auch immer wieder so hin. Es sollte wohl irgendwie nicht sein. Und auch dieses Jahr hatte ich eine Mail geschrieben, dass es zur Abwechslung mal wieder nicht gehen würde. Nur dieses Mal hatte Christian, wie Phaty im wirklichen Leben heißt, kein Erbarmen mit mir und ich musste kommen.

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Da mein Rad, was ich dafür nehmen wollte, zurzeit halb auseinandergenommen hier rum steht, hatte ich mich dazu entschlossen einfach so hinzufahren und dort mitzuhelfen. Und so kam es dann auch, dass ich kurz nach der sehr herzlichen Begrüßung durch Phaty dann auch schon beim Briefing für die Startnummernausgabe stand. Was Claudia, die die Einweisung durchführte, nicht wusste war, dass ich mithelfen sollte, was im Vorfeld mit Phaty besprochen war. Umso größer war aber dann ihre Freude, dass ich quasi ihre Schicht übernehmen konnte und sie sich so anderen Aufgaben widmen konnte. Und für mich war es ein gelungener Einstand und vor allem auch die Möglichkeit direkt am Anfang ganz viele Leute persönlich kennenzulernen. Denn eine Gruppe auf Facebook ist das eine, die Menschen hinter den Profilen dann mal in echt zu erleben das andere. Und so saß ich dann sowohl am Freitag als auch am Samstag jeweils gut zwei Stunden an der Startnummernausgabe und hatte mächtig Spaß.

„Strafgebühr“

SIS16 Stille 13Spaß insofern auch, als dass wir den Teilnehmern, die ihre Einwilligungserklärung entweder vergessen hatten zu unterschreiben oder sie sogar ganz vergessen hatten, eine „Strafgebühr“ abnehmen konnte. Es war aber nicht wirklich eine Strafe, sondern mehr eine Spende, die in den großen Topf gewandert ist. Denn es wurden auch andere Aktionen durchgeführt, die zum Geldeinsammeln genutzt wurden. So gab es Berliner (oder Krapfen, Bollen, oder wie auch immer diese Teigteilchen mit Marmeladenfüllung regional genannt werden), die in Herzform angeboten wurden. Diese lagen zum Selbstbedienen aus, sollten aber mit einer freiwilligen Spende verbunden werden (Anm. d. Red.: Es gab drei Leute, die für ein Gebäckteil tatsächlich 50,-€ gespendet haben!). Es gab auch einen Gebrauchtteile Flohmarkt, wo man seine alten Sachen abgeben konnte, die dann von anderen Teilnehmern erworben wurden. Natürlich wurde der Erlös auch gespendet. Es wurden Mützen und ähnliches gestrickt, es wurde eine Kupferschale vor Ort hergestellt, an deren Entstehung man selbst Hand bzw. Hammer anlegen konnte; selbstverständlich gegen eine Spende. Und ich weiß nicht, was es noch alles für Aktionen gab, um den Leuten das Geld abzunehmen.

Schreiende Stille

Der Spendengrund war in diesem Jahr nämlich leider ein sehr trauriger. Denn es wurde vor gar nicht allzu langer Zeit ein langjähriger und beliebter Teilnehmer jäh aus dem Leben gerissen und hat seine Familie hinterlassen. Seine Kinder gehen noch zur Schule oder befinden sich in der Ausbildung und damit diese auch zu Ende gebracht werden können wurde für die Familie eben Geld eingesammelt. Und dass am Ende ein richtig ansehnlicher Betrag von allen Seiten zusammenkam gab zumindest mir, und ich denke auch so ziemlich jedem anderen Teilnehmer auch, das gute Gefühl an diesem Wochenende an genau dem richtigen Fleck Erde zu sein. Denn so viel Zusammenhalt, Ruhe und Freude habe ich selten erlebt, wenn nicht sogar noch nie.

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Dieses zeigte sich auch, als es vor dem Rennen bzw. dem obligatorischen Schwur eine kurze Ansprache von Phaty gab. Er wollte noch einmal kurz auf den Verlust eines Freundes hinweisen, dessen Tochter auch neben ihm stand. Dabei rang ein wenig mit seiner Fassung und musste sich einen kurzen Augenblick sammeln. In diesem Moment herrschte eine unter allen Startern und Zuschauern eine Stille, die lauter hätte nicht sein können. Ich hatte das Gefühl die Stille schrie einen an. Ich dachte bis dato schon sehr viel gefühlsmäßig durchgemacht zu haben, aber was ich in diesem Augenblick erlebt hatte war für mich neu. Gut 500 total verrückte Biker stehen in teilweise aberwitzigen Kostümen an der Startlinie und sind eigentlich sehr ausgelassen. Aber von einem auf den anderen Moment legte sich eine Stille über die Menschen, die unglaublich war. Man hätte eine Stecknadel auf die Wiese fallen hören können.

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Und auch wenn ich diesen Teilnehmer, dessen Tochter auch den Countdown zum Start des Rennens runterzählte, nie persönlich kennengelernt habe, so gingen mir dessen Verlust und die große Anteilnahme in diesem Moment sehr, sehr nahe. Und das hielt sich auch bestimmt noch eine gute halbe Stunde nach dem Start so bis mich das Leben und die Leute dort wieder hatten.

Fazit:

Für mich steht jedenfalls fest: Das erste Augustwochenende steht jetzt auf ewig fest in meinem Kalender eingetragen. Es wird zukünftig ein fester Bestandteil meiner Jahresplanung. Genauer gesagt muss ich jetzt schauen, dass ich im Sommer immer alles um SiS herumgeplant bekomme. Aber dieses eine spezielle Wochenende in Weidenthal werde ich mir nicht mehr entgehen lassen. Oder anders gefragt: Was hast Du in der Nacht von Donnerstag auf Sonntag gemacht?

In diesem Sinne: Vergiss die verfickten drei Herzen nicht! #beLONGO

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